Circle Singing

 

Singen in der Gruppe ist eine der ältesten Formen der (ganzheitlichen) Kommunikation. Es schafft Verbindung und Begegnung, bietet eine Basis für persönlichen Ausdruck, es entstehen gemeinsame Momente unabhängig von gesellschaftlichen, sprachlichen oder kulturellen Wurzeln.

 

Circle Songs sind eine in den 80er-Jahren von dem Ausnahmekünstler Bobby McFerrin geprägte Form von A-Cappella-Musikstücken, die sich über das mehrstimmige Schichten wiederholt gesungener melodischer und rhythmischer Kurzphrasen („loops“ oder „pattern“) aufbaut. Diese Art des Musizierens findet sich schon früh, vor allem in afrikanischen Kulturen. Dabei sind die verwendeten Bausteine unabhängig von stilistischen Prinzipien, elementare Grundlagen eines Musikstils können aber trotzdem in ihre Gestaltung einbezogen werden. Sie werden aus Fantasiesilben, Scat-Elementen oder auch Begriffen und kleinen (themenbezogenen) Sätzen gebildet. Auch kleine Ausschnitte aus bereits bestehenden Kompositionen können einen Ausgangspunkt für Circle-Song-Pattern darstellen.

 

Dabei ist die Gruppengröße unbegrenzt: von kleinen kammermusikalischen Ensembles bis hin zu Chören oder einem ganzen Konzertsaal mit Zuhörern.

 

Die Gruppe steht dazu im Kreis und wird von der Leiterin/dem Leiter in beliebig viele Kleingruppen geteilt, die jeweils einen eigenen Baustein singen. Diese werden nach und nach (mit elementaren, allgemein verständlichen Dirigierzeichen und „cues“) immer wieder verändert, sodass sich die Musik stetig weiterentwickelt und trotzdem in den elementaren Ursprüngen der Bausteine verwurzelt bleibt. Die Dirigierzeichen können im Verlauf der Arbeit immer wieder gemeinsam erweitert und gruppenspezifisch angepasst werden. Darüber hinaus können auch solistisch improvisierte Elemente über das bereits klingende Arrangement gesungen werden.

 

Diese Art des Musizierens bietet den Teilnehmern unterschiedliche, zum Teil völlig neue Möglichkeiten des Musizierens. Ein wesentliches Kennzeichen ist dabei das Anknüpfen an Vorerfahrungen der Sängerinnen und Sänger. Je nach Gruppe werden die verwendeten loops an die vorhandenen Fähigkeiten angepasst, von einfachen melodischen und rhythmischen Elementen bis hin zu mehrstimmigen und polyrhythmischen Strukturen (von Laien bis zu professionellen Sängern). Außerdem werden für das spontane „aus-dem-Moment-heraus“ Erarbeiten der Bausteine keinerlei Noten benötigt, was den Teilnehmern eine erhöhte Aufmerksamkeit für Klang, Gruppenwahrnehmung, Körperlichkeit, Kreativität und Bewusstsein gibt. Ideen, Fähigkeiten und Eigenheiten der Gruppe können jederzeit mit einbezogen werden, was den persönlichen Bezug zur Musik und dem gemeinsamen Komponieren und Improvisieren nochmals verstärkt.

 

Ein weiteres besonderes Merkmal des Circle Singings ist die Konzentration auf kreative und künstlerische Aspekte der Gruppe und das Fehlen von Wertung und einem „Richtig-Falsch-Denken“. Die Stimmkünstlerin Rhiannon schreibt in ihrem Buch „Vocal river“ dazu sehr treffend: „When you enter the circle, you are in a mistake-free zone“.

 

Durch kleine Vorübungen zur vokalen Improvisation können die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zudem behutsam an ihre eigene vokale Kreativität herangeführt werden und erhalten die Möglichkeit, selbst in die Rolle des Leiters zu schlüpfen, kleine eigene Bausteine einzubringen oder ein improvisiertes Solo über den bestehenden Klang-Teppich auszuprobieren.

 

Einige Ziele des Circle Singings:

  • sofortige und persönliche Singerfahrungen auch für unerfahrenere Teilnehmerinnen und Teilnehmer

  • in einer Gruppe singen, eine gemeinsame „soundscape“ („Klangwolke“) kreieren

  • die eigene Stimme und ihre Möglichkeiten in kreativen Prozessen erfahren, explorieren und entfalten

  • auditive Sensibilisierung: Verbesserung der Intonation, Aufmerksamkeit auf Chorklang und eigener Stimme

  • Klangvielfalt erfahren und genießen

  • Eigenkreativität anregen, eigenen Ideen im Schutz der Gruppe ausprobieren und verwirklichen

  • erste Erfahrungen mit vokaler Improvisation machen oder Fähigkeiten in diesem Bereich erweitern, abhängig von Vorerfahrungen und individuellen Stärken

  • ein neues Konzept des Musizierens kennenlernen

  • im Moment musizieren

 

copyright: Marie-Kristin Burger